Dienstag, 10. November 2020

Eine kleine Philosophie der Müllentsorgung

Liebe Leserinnen und Leser. Ich bin jetzt Besitzerin einer grünen Tonne. Eine Mülltonne, die man vielseitig verwenden kann: Für Grünzeug oder Müllsäcke. Damit nichts herumsteht bis zur wöchentlichen Abfuhr. Denn Müllsäcke oder Kübel mit Unkraut vor dem Haus sehen nicht sehr aufgeräumt aus. Die Tonne ist zwar auch nicht schön, aber es ist eben eine Tonne und sagt damit allen, die vorbei kommen: Hier wird auf Ordnung geachtet. Und da ich ein sehr ordentlicher Mensch bin, kommt mir das Tonnen-Konzept sehr entgegen. Auch wenn es spiessig ist. Unglaublich spiessig. Aber ich habe mit meinem dreissigsten Geburtstag damit aufgehört nicht spiessig sein zu wollen. Und fühle mich seither um Einiges leichter. Und gebe zu: Ich bin im Spiessertum recht wohl. Also wurde die Tonne in unserem neuen Haushalt herzlich willkommen geheissen. Jedes Mal wenn ich vor die Türe trete oder nach Hause komme, fühle ich ein kleines Glücksgefühl in mir bei ihrem Anblick. Stolz rolle ich sie an jedem Donnerstag Abend die Stufen vor dem Haus hinunter auf den Weg und ziehe sie zur Strasse. Dort steht sie würdevoll neben all den anderen grünen Tonnen und wartet auf ihre Entleerung am kommenden Tag. Bei unserem ersten Mal habe ich sie nur sehr ungern alleine gelassen. Was, wenn sie in der Nacht umfällt? Oder schlimmer: Wenn am nächsten Tag ein Nachbar die falsche (unsere!) Tonne mitnimmt? Dem musste Abhilfe geschaffen werden: Zwei Kleber für Tierrechte wurden umgehend gut sichtbar auf den Deckel geklebt. So kann ich jetzt jeden Freitag die richtige, leere Tonne zurück auf ihren angestammten Platz neben der Haustüre rollen. 
Es sind manchmal die kleinen Dinge, die uns das Gefühl von Zuhause geben. Und Befriedigung. Von Ordnung in all der Unordnung. Wir erleben gerade, was es heisst, nicht planen zu können. Nicht zu wissen, wie die Feiertage aussehen werden. Viele lernen das Gefühl von Einsamkeit kennen. Oder die Furcht davor. Routinen können dem Einen dabei helfen, sich nicht ganz so verloren zu fühlen. Der Anderen hilft vielleicht das Ausbrechen aus dem Gefühl der Enge. Wild zu Musik in der Küche tanzen und dabei alles Corona zu vergessen. Hinter all den Masken sind wir ganz unterschiedlich in dem, was wir brauchen. Und das ist auch gut so. 
Ich möchte in den kommenden Tagen ganz besonders gut auf das hören, was mir kleine und grosse Menschen auf die Frage antworten: Was freut dich? 
Meine Antwort kennt ihr ja jetzt.

Mittwoch, 12. August 2020

unbeschwert

«Dass sie ihre Unbeschwertheit behalten darf». Das ist der Wunsch eines Vaters für sein Kind. Wir taufen es gemeinsam. Geben ihm das Versprechen mit auf den Weg, dass es nie alleine sein muss. Dass es seine Träume leben darf. Was auch immer das für Träume sein werden. Es krabbelt gerade am liebsten auf seinem grossen Bruder herum. Streckt uns die Ärmchen mit Vertrauen entgegen. Es weiss zum Glück noch nicht, dass das Vertrauen brüchig werden wird. Mit jedem Lebensjahr mehr. Es wird seine Unbeschwertheit verlieren, wie es die Milchzähne verliert. Wir Grossen wissen das. Trotzdem oder gerade deswegen wünschen wir uns für unsere Kinder genau diese Freiheit und die unbeschwerte Freude am Leben. Wir hoffen, dass sie die ersten sein werden, denen es gelingt, Kind zu bleiben. Dass sie niemals lernen müssen, was es heisst, enttäuscht zu werden. Dass sie niemals lernen müssen, wütend zu sein und zu kämpfen. Darum, eine Stimme zu haben, die gehört wird. 

Der kleine Täufling ist ein Mädchen. Ihr Name bedeutet «die Begnadete». Und ich werde traurig, weil ich weiss: Egal wie begnadet sie durch ihr Leben gehen wird, sie wird lernen, wütend zu sein. Sie wird lernen auszurufen, aufzustampfen, ihr Recht mit allen Mitteln einzufordern. Wahrscheinlich lauter, direkter, wütender als ihre Brüder. Sie wird länger durchhalten müssen und man wird ihr sagen: Mach nicht so ein Theater. Du bringst uns Frauen Schande, wenn du dieses oder jenes tust. Man wird sie fragen: Jetzt gibst du schon auf? Sie wird lernen, dass man von ihr erwartet, dass sie lächelt. Immer. Sie wird lernen, dass man von ihr erwartet, dass sie schweigt. Meistens. Auch dann, wenn sie etwas zu sagen hat. Gerade dann.

Drei Mal ein paar Tropfen Wasser auf die Stirn. Ich wünsche ihr, dass sie nicht schweigt, wenn sie ungerecht behandelt wird. Dass sie nur lächelt, wenn ihr danach ist. Und sie das Vergeben nicht vergisst. Ich wünsche ihr, dass sie kämpft, wenn sie etwas möchte, etwas braucht. Dass sie sich erlaubt, wütend zu sein, auch wenn sich das für eine Frau nicht "gehört". Und sie dabei keine Mauer um ihr Herz baut.  Ich wünsche ihr, dass sie erleben darf, was es heisst, ganz und gar geliebt zu werden. Genau so, wie sie gemacht ist. Genau so, wie sie sein möchte. Mit allen Wünschen und Bedürfnissen, die sie hat. Ganz und gar geliebt.

Mittwoch, 22. April 2020

(k)eine rebellion

"Ich habe schon vorher gewusst, dass ich eher Stadtmensch als Landkind bin. Aber jetzt, nach (wieviel?) drei Wochen Lockdown mit Homeoffice bin ich mir absolut sicher. Ich brauche Teerstrassen, Kaffees, Museen und andere Menschen für den Austausch. Ich brauche neuen Input! Ich bin in diesen Wochen mehr gewandert als in den letzten 10 Jahren. Und es gibt mir nichts. Absolut nichts. Ich verstehe nicht, wie Menschen sich einfach stundenlang in der Natur bewegen oder in die Sonne setzen können und davon zufrieden werden." Meine liebe Freundin J., nicht wortwörtlich, aber dem Sinn nach.

Ich habe so gelacht am Telefon. Mit ihr. Wir haben zusammen über die absurde Situation gelacht, in der wir alle sind. Alle im selben Boot. Alle mit etwas unterschiedlichen Herausforderungen. Die lang ersehnten Informationen zur Lockerung des Lockdown haben keine Erleichterung gebracht. Im Gegenteil. Irgendwie wird es noch schlimmer. Weil klar ist, dass alles unklar bleibt.

Meine Freundin J.: "Ich habe am kommenden Samstag mit einer Freundin abgemacht!" Was für eine Rebellin! So fühlen wir uns. Als Agenten des Alltags, wenn wir nach Bern fahren, um in einem Spezialgeschäft Überlebensnotwendiges einzukaufen: Schokolade und Wein, Oliven, Chips und Bier.

Die Kalender leeren sich immer weiter. Hochzeiten, Ausflüge, Sabbaticals, Aufführungen, Ferien. Eltern und Kinder sehnen sich nach der Struktur von Schule und Kindergarten. Nach "normalem" Spielen und Zusammensein. Der in Aussicht gestellte 11. Mai gaukelt uns  vor, dass all das in absehbarer Zukunft liegt. Vorgaukeln ist vielleicht auch gut und genau richtig. Weil wir Hoffnung brauchen. Lichtblicke und Perspektiven. Wir brauchen sie fast dringender als Schokolade und Wein. Kaum zu glauben, aber wahr.

Seid stark, euer Herz sei unverzagt. Psalm 31.25

Hoffnung heisst: Den Himmel nicht ganz schwarz malen, vielleicht eher grau, mit etwas blau. Hoffnung heisst: Am halbvollen Glas nippen und via Facetime mit Freunden anstossen. Natürlich in der umgekehrten Reihenfolge. Und immer in die Augen schauen beim Anstossen! Nicht vergessen! Hoffnung heisst: Rebellisch sein. Für dich selbst herausfinden, was dir guttut. Es muss nicht die Natur sein. Aber es darf. 

Sie habe gegoogelt, welche Lieferdienste es noch gibt. "Jetzt bestelle ich mir ab und zu etwas. Oder hole bei einem Take away einen Kaffee." Lang lebe die rebellische Seele in uns!

Donnerstag, 9. April 2020

grüner donnerstag

Heute ist Gründonnerstag. Heute erinnern sich die Christinnen und Christen auf der ganzen Welt an den letzten Abend, den Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden verbracht hat. Morgen, am nächsten Tag, wurde Jesus gekreuzigt. Aber heute ist heute. Den Abend hatten sie noch. Sie waren beieinander. Ahnten vielleicht, was auf sie zukommt. Waren vielleicht noch hoffnungsvoll, dass die Geschichte anders ausgehen wird. Gemeinsam haben sie Brot gegessen und Wein getrunken. Wir nennen es Abendmahl. 

Der Name "Gründonnerstag" kennt verschiedene Erklärungen. Eine beliebte sagt, die Bezeichnung komme vom althochdeutschen "greinen", also weinen. Es passt zu unserer kirchlichen Tradition. Und zu unserer Erfahrung mit dem Abschied nehmen. 
Andere sagen, es komme vom grünen Holz, das für das neue Leben und einen neuen Anfang steht. Mir gefällt beides. Und beides gehört irgendwie zusammen. Wir weinen nicht nur, wenn wir traurig sind. Wir weinen auch, wenn es heisst Abschied zu nehmen, wenn wir neu anfangen. Wir weinen, weil eine Entscheidung schwer gefallen ist, auch wenn wir im Kopf wissen, dass es richtig war. Wir weinen, wenn wir uns an glückliche Momente erinnern, die wir jetzt nicht mehr wiederholen können. Wir weinen, weil wir vermissen und spüren, dass leben auch sterben heisst, dass leben auch verlieren heisst.

Gestern haben wir von unserem Hund Abschied genommen. Ich war immer der Überzeugung, dass es mir nicht schwer fallen wird. Es ist ja nur ein Hund. Ich habe mich geirrt. Die Entscheidung zu treffen: "Jetzt ist es soweit". Zu spüren, dass die Seele sich auf den Weg gemacht hat. Die Leere, weil keine tappenden Füsse mehr hinter einem herlaufen. Es ist schwer. 
Es ist nur ein Hund. Ja. Und trotzdem glaube ich, dass unsere Menschlichkeit darin besteht, dass wir uns gerade auch und besonders von den schwächsten Lebewesen berühren lassen. Von den Lebewesen, die abhängig sind von uns und unserer Güte.

Zulassen, was da ist, dem Weinen seinen Raum geben, die Erinnerungen teilen, Schritt für Schritt Abschied nehmen. Wenn wir Menschen verlieren, wenn wir Tiere erlösen müssen, wenn wir uns von Orten, Menschen und Lebensabschnitten trennen. Bewusst den Schmerz wahrnehmen. Ich glaube, es ist eine hohe Kunst. Ich muss mich auch noch darin üben. 

Heute feiern wir nicht in Gottesdiensten gemeinsam Abendmahl. Wir können es aber auch Zuhause tun. Mit Menschen, die uns nah sind. Die unseren Schmerz vielleicht kennen. Die mit uns gehen, uns nicht alleine lassen. Menschen, mit denen wir manchmal ringen und streiten. Wir können auch alleine Abendmahl feiern. Wir kennen uns selbst am besten. Wir sind es wert, dass wir uns selbst ernst nehmen. Ob mit oder ohne andere Menschen um uns.
Ob alleine oder mit Menschen, wir feiern Abendmahl: Ein feines Brot ganz bewusst geniessen. Vielleicht den Anschnitt des Zopfes, der für morgen gedacht ist, "stibitzen". An das denken, was uns gerade wichtig ist im Leben. Dankbar sein für das, was uns Kraft gibt im Weinen. Ein Glas Wein oder Traubensaft einschenken. Es geniessen. An das denken, was uns mit Gott und den Menschen verbindet. Uns an Momente erinnern, in denen wir gespürt haben: Ich bin nicht allein.

Gott, segne uns und behüte uns.
Gott, schütze unser Leben und bewahre unsere Hoffnung.
Gott, lass dein Angesicht leuchten über uns, dass wir leuchten für andere.
Gott, erhebe dein Angesicht zu uns und halte uns fest 
im Glauben, dass das Leben lebendiger ist als der Tod. Amen

Samstag, 28. März 2020

systemrelevant

Wenn frau keine Kinder hat und eine Badewanne, die Woche im Büro und am Telefon abgeschlossen ist, dann sind lange Bäder Pflichprogramm im Lockdown. Lange Bäder mit Badezusätzen wie "Balsam für die Seele". Es ist erstaunlich, wie kreativ Menschen sind, wenn es um die Erfindung von Namen und Beschreibungen für Schönheits- und Wohlfühlprodukte geht. Da steht dann so etwas wie: Tun Sie Ihrer Seele etwas Gutes, verwöhnen Sie Ihre Haut mit den liebevoll ausgepressten Blüten einer ökologisch angebauten Bio-Rose (ihr wurde Zeit ihres Lebens Frischluft, Auslauf sozusagen, garantiert) und lassen Sie Ihre Sinne zur Ruhe kommen. Vollbäder sind (wenn auch an sich schon wenig ökologisch) sehr entspannend. Ich weiss, für die geplagten Eltern im Home Office klingt das nach fernen, kaum zu verwirklichenden Träumen. Vor Corona träumte man von zwei Wochen Malediven, nach Corona wird man mit Freudenjauchzern die Kinder in die Schule schicken und keine weiteren Wünsche haben. Ehre, wem Ehre gebührt: Nämlich den Lehrerinnen und Lehrern. Kinderlose Menschen werden, den Tränen nah, vor dem vollen Regal mit Toast stehen und wunschlos glücklich sein. Aber zurück zu den Vollbädern (jetzt muss ich ununterbrochen an knusprigen Toast denken...). Da frau sich heutzutage, also während Corona, einzig über soziale Netzwerke, Zeitungs-Apps und Facetime am Leben erhält, kommt das Smartphone natürlich mit in die Badewanne. Und da stellt sich mir auf einmal die grosse Frage: Sind Swisscom-Shops nicht auch systemrelevant? Stellt euch vor: Euer Smartphone, eure einzige Verbindung nach draussen, euer zuverlässiger Lieferant von Corona-Todeszahlen, euer persönlicher DJ und Freund fällt ins Wasser. Ausgerechnet jetzt. Jahrelang ist dieses Drama in einem Akt nie geschehen. Nicht einmal ansatzweise. Aber jetzt, in dieser "ausserordentlichen Lage", fällt es euch ins Wasser und ist nicht wieder zu beleben, auch nicht nach tatkräftiger Mund-zu-Mund-Beatmung. Kein Geschäft ist geöffnet, kein Handy-Spital, kein Verkäufer neuer Smartphones. Ja, da kann dann nicht einmal mehr die schöne Flasche mit Badezusatz etwas am Notstand ändern.

Dies alles ist natürlich nie geschehen und wird (Gott bewahre!) hoffentlich nicht geschehen. Weder mir noch euch. Und wenn doch, dann wissen wir alle, dass es Wichtigeres gibt. Leben retten zum Beispiel. Und trotzdem möchte ich mir und euch erlauben, auch über die kleinen Dinge zu lachen, zu weinen, zu streiten, zu erschrecken. Systemrelevant ist vor allem eines: Unser aller Gesundheit. Und dazu gehört nicht "nur" Virenfreiheit. Sondern auch die Gesundheit der Seele. Und unsere gesunde Seele braucht die kleinen, lustigen, alltäglichen, völlig banalen Gedanken und Gegebenheiten. Unsere gesunde Seele braucht diesen wohltuenden Balsam.

Dienstag, 24. März 2020

blick auf

Ein neuer Dienstag. Für uns Pfarrerinnen und Pfarrer beginnt die Woche heute. Gestern war für viele der sogenannte Pfarrer*innen-Sonntag. Wobei im Moment irgendwie jeder Tag wie ein Sonntag ist. Ruhig, ohne Zeit, ein wenig verloren in sich und der Welt, trotz vieler Arbeit. Wenn dieser Zustand einmal in der Woche herrscht, dann ist das schön. Wenn er die ganze Zeit seinen Platz einfordert, ist es unangenehm und verstörend. Dass das Leben weiterläuft wurde mir deutlich, als ich in der Kirche drei Männer antraf, die den neuen Beamer und die Leinwand montierten. Man glaubt an eine Zukunft. Natürlich tun wir das, was sollen wir denn sonst tun. Blick auf. Auf das, was kommt. Auf das, was uns Pläne schmieden lässt.

In Zagreb bebte am Sonntagmorgen die Erde. Die stärkste Erschütterung seit 140 Jahren. Eine 15-Jährige starb an den Verletzungen durch herunterfallende Trümmer. Viele Menschen sind im Spital. Die Spitze der Kathedrale von Zagreb fiel zu Grunde. Die Menschen rannten auf die Strasse, aus ihrer befohlenen Isolation. Hinaus, dorthin, wo es bei einem Erdbeben am sichersten ist. Hinaus, dorthin, wo einer den anderen mit dem Corona-Virus ansteckt. Man solle Abstand halten, wurde den Flüchtenden gesagt. Die Erde hat gebebt. Und die Welt hat die Nachricht kaum wahrgenommen. Blick auf das, was nicht zuvorderst steht. Blick auf das, was uns auf-weckt.

Wo sich isolieren, wenn kein Zuhause ist? In den Flüchtlingslagern auf der ganzen Welt und in den Bundesasylzentren wird Corona zu einem ganz anderen Schrecken, als wir es uns hier vorstellen können.
Blick auf. Auf den Schrecken. Aber auch auf das, was uns Hoffnung macht.

Denn: Abstand halten, Hände waschen, möglichst Zuhause bleiben. Es sind Gebote, die wir zum Glück einhalten können. Die Umstände erlauben es uns. Mehr als fünf Personen zusammen: Verboten. Aber es ist nicht verboten, sich zu freuen. Gott sei Dank. Es ist nicht verboten auch einmal über etwas anderes als das Virus zu sprechen und zu schreiben. Und ja, mir ist es bisher noch nicht gelungen. Ich gebe mir Mühe, versprochen. Es ist nicht verboten einander Briefe zu schreiben, den Garten zu pflegen, ein Glas Wein zu trinken, die Fenster zu putzen oder einen Regenbogen zu malen.
Es ist nicht verboten Musik zu hören. Und deshalb teile ich eines meiner aktuellen Lieblingslieder mit euch. Blick auf! Die Freude!



Freitag, 20. März 2020

ungeduld

Fällt euch auch langsam die Decke auf den Kopf? Bereits jetzt, nach wenigen Tagen? Ich bin froh um jedes Telefongespräch, das ich machen kann. Jede Möglichkeit mit den Menschen hier in der Gemeinde in Kontakt zu kommen und nicht nur per Email das Dringendste mit den Mitarbeitenden und dem Rat zu besprechen. Dabei wurde ja vom Bund keine Ausgangssperre verhängt. Heute Nachmittag war es klar. Zumindest für die nächsten Tage. 

Wer mich kennt, weiss, das ich eher zu der ungeduldigen Sorte Mensch gehöre. Die Ungewissheit darüber, wann wieder "Normalität" einkehrt, ist zermürbend. Allein der Gedanke, dass ich nicht schnell in ein Geschäft fahren kann, um Material für die Osterbastelei zu kaufen, macht mich unruhig. Ob ich damit alleine bin? Ich weiss es nicht. Was mich beruhigt: Online kann ich jederzeit ein Hörbuch herunterladen und zwei Hefte "Mandalas für Erwachsene" habe ich auch noch. Damit komme ich eine Weile zurecht. Das tröstet mich aber nicht über die Enttäuschung hinweg, dass wir wahrscheinlich die Konfirmation im Mai absagen müssen. Ja, es ist nur ein Fest. Nur ein Gottesdienst. Aber es sind sechs junge Menschen, die sich auf diesen Tag freuen. Ein schönes Kleid, einen Anzug anziehen. Im Mittelpunkt stehen und für einmal etwas zu sagen haben in der Kirche. 

Niemand ist Schuld und irgendwie sind wir doch alle mittragend oder mitfallend in der aktuellen Situation.

Heute Mittag wurde geklatscht. Für all diejenigen, welche für uns das Gesundheitssystem aufrecht erhalten. Laut und deutlich zeigen, wie dankbar man ist. Anerkennen, was Menschen für andere Menschen tun. Und sich im Klatschen, im laut werden miteinander verbinden.

Nun liegt ein Wochenende vor uns ohne Gottesdienst, ohne Partys, grosse Familienessen, Brunch oder Museumsbesuch. Ein leises Wochenende. Ausser dem Rufen und Streiten und Lachen der Kinder. Zeit Zuhause, Zeit für sich und die engste Familie. Zeit zum Entspannen? Für die einen: Ja. Für andere eher weniger. Aber vielleicht, hoffentlich bleibt euch allen Zeit für dieses Gedicht von Rose Ausländer:


Vergesset nicht

Freunde
wir reisen gemeinsam

besteigen Berge

pflücken Himbeeren
lassen uns tragen
von den vier Winden

Vergesset nicht

es ist unsre
gemeinsame Welt
die ungeteilte
ach die geteilte

die uns aufblühen lässt

die uns vernichtet
diese zerrissene
ungeteilte Erde
auf der wir
gemeinsam reisen